Ich erinnere mich noch genau, wie unser Haus damals roch – nach Tee, Kreide und einem hauch Zitronenreiniger. Ich stand in der Küche – konzentriert über eine Schüssel gebeugt. Vor mir: Backpulver, Essig, Spülmittel und eine kleine Glasflasche mit roter Lebensmittelfarbe. Es war kein Kuchen, kein Frühstücksexperiment – es war Wissenschaft.
„Chemische Reaktion“, murmelte ich, während ich die Mengen abwog. „Essigsäure plus Natriumhydrogencarbonat … Druck, Schaum, Ausstoß. Wenn meine Berechnungen korrekt sind, krieg ich Rückstoß!“
Hinter mir kletterte Jessica, zehn Jahre alt, auf einen Stuhl. Eine kleine Digitalkamera baumelte an ihrem Handgelenk, in der anderen Hand hielt sie einen Löffel wie ein Mikrofon. „Und hier sehen Sie: Vanessa O’Connor – the Mad Scientist von nebenan, live aus der Küche!“
Ich drehte mich mit hochgezogener Augenbraue zu ihr um – meine Stimme etwas schärfer als beabsichtigt. „Jessica Josephine … das ist wissenschaftliche Forschung, keine Comedyshow.“ „Sicher, wenn du meinst. Ich nenne es Breaking News – mit Spaß!“ Jessica streckte mir die Zunge raus.
Ich rollte mit den Augen. „Du hast doch von der Hälfte der Worte keine Ahnung, was sie bedeuten. Du plapperst sie einfach nach.“ „Pffft.“ Sie streckte mir ein zweites Mal die Zunge raus. „Mir egal, was es bedeutet. Ich liebe es, Moderator zu spielen, es klingt wichtig.“
Ich goss die rote Farbe in die Mischung, dann vorsichtig den Essig. Ein leises Zischen begann – kaum hörbar, aber verheißungsvoll. Jessica hielt sofort drauf, während sie mit wichtiger Reporter-Stimme sprach: „Die junge Forscherin behauptet, sie könne Vulkanausbrüche nachstellen. Wir sind gespannt, ob Cork überlebt.“
„Das ist ein Lernexperiment über Druckausgleich … und ein Feldversuch über eine revolutionäre Antriebsart!“ In dem Moment begann die Schüssel zu beben. Das Zischen wurde lauter – und plötzlich schoss ein scharlachroter Schaumstrahl in die Höhe. Er traf den Küchenschrank. Dann den Boden. Dann meinen Laborkittel.
„Oh nein, oh nein …!“ Ich sprang zurück, doch der künstliche Vulkan spuckte weiter – ein klebriger Lavastrom aus Essig und Natron, der alles überflutete. „Ich muss das Mischungsverhältnis falsch berechnet haben!“, rief ich, als ich auf dem glitschigen Boden ausrutschte und auf meinem Hintern landete.
Jessica kreischte, lachte und filmte gleichzeitig. „Das ist unglaublich! Ich hab’s drauf! Exklusivmaterial!“ „Ich hab die Viskosität falsch eingeschätzt …“ „Ich nenne es: wissenschaftliches Drama“, kommentierte sie trocken und hielt die Kamera näher ans brodelnde Chaos. „Wie fühlen Sie sich, Miss O’Connor, nachdem Sie die halbe Küche zerstört haben?“
Ich richtete mich auf, tropfnass und über und über mit rosa Schaum bedeckt. „Erleuchtet“, sagte ich. „Und leicht klebrig.“
Für einen kurzen, fast magischen Moment schien nach dem ersten Ausbruch wieder Ruhe einzukehren. Der Schaum glitzerte matt im Küchenlicht, Murphy trottete beleidigt davon, und ich wischte mit todernster Miene die Überreste meines „wissenschaftlichen Triumphs“ auf. „Wenn wir schnell sind, merkt Mom gar nichts“, murmelte ich.
Jessica kommentierte leise ins Mikrofon: „Die Forscherin versucht, Beweise zu vernichten. Ein klassischer Schritt nach missglückten Experimenten.“ Ich schnaubte: „Selbst ein Fehlschlag ist eine Erkenntnis und jetzt, Jess, kannst du bitte einmal helfen?“ „Journalistische Neutralität, V. Ich darf nicht eingreifen.“
„Ich schwör’s dir, irgendwann stelle ich Antimaterie her, nur um dich zu verdampfen.“ Jessica grinste, legte die Kamera kurz beiseite – und sah auf das halb geleerte Essigglas. „Du, Vanessa … was passiert eigentlich, wenn man einfach ein bisschen mehr reintut?“ Ich blickte auf. „Gar nichts passiert. Wir räumen jetzt auf.“
„Aber nur ein bisschen mehr—“ „Nein.“ „Mit Farbe?“ „Jessica, wag es nicht.“
Plopp. Der ganze restliche Essig, Backpulver und Spülmittel war längst unterwegs in die Schüssel. Es begann harmlos: ein leises Brodeln, ein Schaumblubbern. Dann, in einer Sekunde der stillen Panik, schoss das Glas in die Höhe wie ein geplatzter Geysir. Das Glas zerschellte an der Decke in tausend Splitter. Ein dumpfes Grollen hallte in der Küche wider. Der zweite Ausbruch war episch.
Genau in diesem Moment öffnete sich die Tür. „Mädchen!“ Moms Stimme – Fiona, Lehrerin für Biologie und Chemie. Ihr Blick hätte Aluminium geschmolzen. „Habt ihr völlig den Verstand verloren? Was ist das hier? Ein Labor oder Ground Zero?“
Jessica zoomte heran und flüsterte: „Breaking News: Die Lava trifft Gen-Mom – und sie reagiert explosiv!“ [...]
Wir begannen schweigend zu schrubben. Murphy bellte. Ein letzter Schaumrest platzte. Jessica grinste. „Breaking News“, flüsterte sie. „Die Mutter hat gewonnen.“ Ich schnaubte, aber ein schwaches Lächeln zuckte über mein Gesicht. Jessica hob den Lappen wie ein Mikrofon und verkündete: „Ich schwör’, V. Irgendwann liest die ganze Welt meine Artikel und tanzt nach meiner Pfeife.“ Ich lachte, halb genervt, halb gerührt. „Genau, JJ – und ich werd die Königin der Welt.“ Murphy bellte zustimmend. Vielleicht hatte er recht. In diesem Haus war alles möglich.
Vanessa lacht herzlich bei der Erinnerung an damals, blinzelt, findet zu mir zurück und schmiegt sich enger in meine Arme. „Siehst du“, sagt sie, „ich hatte schon damals Talent für kontrollierte Katastrophen.“
Ich grinse. „Und deine Schwester Jessica scheint fürs Chaos davor verantwortlich gewesen zu sein.“ Sie tippt mir auf die Brust. „Exakt. Manche Dinge ändern sich nie.“
Während draußen der Mond sein Licht durchs Fenster wirft, muss ich innerlich lächeln. Vielleicht hatte sie recht – Jessicas Chaos hatte schon immer eine Richtung. Nur damals wusste noch niemand, dass es eines Tages wirklich Schlagzeilen machen würde.
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